In der aktuellen EMMA

Ursula Staudinger über weise Frauen

Altersforscherin Ursula Staudinger: Die Gesellschaft muss die Potenziale des Alters erkennen und nutzen wollen. - Foto: Robert Lohse
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Frau Prof. Staudinger, Ihr Spezialgebiet ist die Weisheitsforschung. Was genau erforschen Sie?
In der Weisheitsforschung erforschen wir, wie sich Erfahrungen im Laufe des Lebens zu Einsichten verdichten, die sich dann wiederum zu Weisheit formieren können. Erfahrungen machen wir alle, aber Weisheit ist etwas sehr Seltenes und Kostbares. Es reicht leider nicht aus, älter zu werden, um weiser zu werden. Die wenigsten Menschen erlangen Weisheit. Uns interessiert, wie und warum sie bei einigen Menschen entsteht. 

Und wie entsteht Weisheit?
Da muss einiges zusammenkommen. Zuerst sind da natürlich die Lebenserfahrungen. Menschen, die häufig Veränderungen in ihrem Leben zu meistern haben, sei es, weil sie schwere Verluste oder Krankheitserlebnisse zu verarbeiten haben, weil sie ihren Beruf oder ihren Standort oft verändern mussten, haben die Gelegenheit, viele Perspek­tiven auf sich selbst und das eigene Leben einzunehmen. Aber ob wir diesen Perspektivenwechsel zur Gewinnung von Einsichten nutzen können, hängt von weiteren Einflüssen ab, wie zum Beispiel den kognitiven Fähigkeiten, der Emotions­regulation und auch dem Lernen-Wollen. Und eine ganz elementare Voraussetzung für die Bildung von Weisheit im Lebensverlauf ist, offen für neue Erfahrungen zu sein und zu bleiben. Unsere Denkfähigkeit verändert sich im Laufe des Lebens. Je älter wir werden, desto schwerer fällt es, neue Dinge zu durchdenken. Doch Menschen, die aus Erfahrungen Einsichten ableiten können und wollen, die sich ihre Denkfähigkeit und die Offenheit für Neues bewahren, eher ein erkundendes als ein sanktionierendes Auge haben, die bewegen sich deutlich in Richtung Weisheit.

Nicht jeder Mensch wird mit dem Alter weiser?
Nein, das muss ja auch nicht sein. Lebenseinsichten hat jeder Mensch hin und wieder, aber dieses Gesamtkunstwerk von Weisheit ist nur wenigen vorbehalten. Es ist auch mit einem hohen Preis verbunden, den nicht jeder zahlen will. Bin ich dazu bereit, mich immer wieder neuen Erfahrungen, Perspektiven und Prozessen zu öffnen und mich auch unerfreulichen Erkenntnissen über mich selbst und anderen zu stellen? Wir werden in der Regel im Alter dogmatischer. Es kostet Kraft, sich aus den eigenen Denkmustern hinauszubewegen. Ein weiser Mensch ist zudem jemand, zu dem andere Menschen kommen, weil sie sich Rat erhoffen. Da muss man sich die Frage stellen: Habe ich Interesse daran, anderen Menschen einen Rat zu geben? Lassen sich meine Einsichten wirklich auf andere übertragen?

Bedingen sich Weisheit und Resilienz?
Nein. Die wachsende Widerstandsfähigkeit eines Menschen bringt nicht automatisch Weisheit hervor oder umgekehrt. Nicht jeder kann aus Tiefschlägen Einsichten ableiten. Es gibt Menschen, die wollen nach einem Tiefschlag vor allem ihr Wohlbefinden zurückgewinnen. Und dann gibt es Menschen, die gehen einen Extra-Schritt. Sie beginnen zu reflektieren, zu verarbeiten, zu hinterfragen, Dinge in einen größeren Kontext einzuordnen, einen Blick von oben auf die Dinge zu werfen. Aber nur wenige sind in der Lage, über ihr eigenes Leben hinaus zu denken und diese Einsichten immer wieder zu aktualisieren und zu relativieren. Diese Aktualisierung ist wichtig, weil sich die Umstände immer wieder verändern. Dazu gehört zum Beispiel auch, sich in die nachwachsenden Generationen hineinzudenken. Jede Generation hat ihre eigenen Herausforderungen. Zu denken: So, ihr Kinder, hört mir mal zu, so wird das gemacht – das reicht nicht. Es geht ums Verstehen, nicht ums Beurteilen.

Haben Frauen eine andere Art von Weisheit als Männer?
Wir konnten in der Ausprägung der Weisheit im Laufe des Lebens keine signifikanten Unterschiede zwischen den Geschlechtern feststellen. Die zen­tralen Merkmale, Offenheit und analytische Denkfähigkeit, unterscheiden nicht zwischen Mann und Frau. Es gibt natürlich – je nach Biografie – unterschiedliche Erfahrungsspektren, aber es gibt nur eine Form von Weisheit. Allerdings verarbeiten Frauen Emotionen anders. Sie nehmen Emo­tionen an sich selbst und an anderen stärker wahr, lassen sie zu und gehen damit weiter um. Das ist im Prinzip eine gute Sache für die Entwicklung von Weisheit, macht die Sache aber manchmal auch kompliziert. Emotionen verstellen schnell den Blick auf die Struktur einer Problemlage. Das heißt, wenn zu dieser emotionalen Sensibilität noch die Fähigkeit zur Einordnung und zur Regulation kommt, dann ist das ein Vorteil für die Erlangung von Weisheit. 

Wird Weisheit in unserer Gesellschaft wertgeschätzt?
Teilweise. In den westlichen Ländern haben wir eine Experten-Kultur. Das sind oft Menschen, die ein gewisses Alter erreicht haben und auf eine lange Expertise verweisen können, Männer wie Frauen. Hier wird das Alter durchaus positiv bewertet, als bereichernd. In der Wissenschaft und in einigen Aufsichtsräten der DAX-Unternehmen haben ältere Frauen einen regelrechten Siegeszug angetreten. Aber es konzentriert sich eben auf einige wenige herausgehobene Individuen, was ja auch der Weisheitstradition entspricht. Generell wird das Alter aber gesellschaftlich eher negativ gesehen und ältere Menschen werden dadurch entwertet. Das einseitig negative Altersstereotyp – alt zu sein, heißt gebrechlich, dement, schwach und stur zu sein – trifft auf einige, aber nicht auf alle alten Menschen zu. 

Allerdings hat man mit zunehmendem Alter meist weniger Chancen auf neue Herausforderungen im Beruf.
In der Tat. Man verwechselt in der Arbeitswelt bei der Interpretation der Produktivität verschiedener Altersgruppen gerne die Dauer, die eine Person eine Tätigkeit ausübt, mit dem Lebensalter der Person. Wir wissen, dass mit zunehmender Dauer in einer Tätigkeit die Produktivität nachlässt. Dies ist aber auch schon in jüngeren Lebensjahren der Fall. So bestätigt sich das negative Altersstereotyp immer wieder selbst und unserer Gesellschaft geht viel Potenzial verloren. Darum gilt es, die Stärken des Alters zu erkennen und gesellschaftliche Bedingungen zu schaffen, die den Schwächen entgegenwirken.

Und was sind die Stärken?
Ältere Menschen zeichnen sich durch eine größere Generativität aus. Je älter wir werden, desto größer werden unsere Motivation und unser Interesse, Sorge für die nächste und übernächste Generation zu tragen. Ältere haben stärker das Gemeinwohl im Blick. Die meisten Menschen wollen, dass die nächste Generation es besser hat als sie selbst. Das gilt auch für Menschen ohne Kinder. Eine weitere große Stärke ist die innere Gelassenheit, die sich im Alter einstellt. Wir wissen, was wir durchgemacht haben – und dass es uns trotzdem noch gibt. Dieses Wissen birgt eine besondere Kraft für eine Gesellschaft. Ein Ruhepol, eine Entschärfung in aufgebrachten Zeiten. Diese innere Souveränität lässt sich auch auf das Arbeitsleben übertragen. Junge Menschen müssen ja noch zeigen, wer sie sind. Sie sind kom­petitiv, gerade bei Männern ist viel Energie und Testosteron im Spiel. Das kostet aber nachweislich Produktivität. Ältere müssen sich nicht mehr beweisen und sich in den Wettstreit begeben. Sie sind oft ein guter sozialer „Klebstoff“ in einem Unternehmen. Und ein gutes Betriebsklima schlägt wiederum gesamt positiv zu Buche. 

Welche Bedingungen zur besseren Entfaltung der ­Stärken des Alters müssten geschaffen werden?
Es muss uns als Gesellschaft daran gelegen sein, die Potenziale des Alters zu erkennen, sie annehmen und nutzen zu wollen. Wir müssen Bedingungen schaffen, besonders im Berufsleben, die es ermöglichen, dass Menschen sich länger produktiv an der Gesellschaft beteiligen können. Der Arbeitsmarkt muss sich für neue Arbeitsstrukturen für ältere Menschen öffnen. Das passiert gerade. Allerdings aus der Not des Fachkräftemangels heraus. Es ist zum Beispiel eine positive Entwicklung, dass finanzielle und steuerliche Nachteile für Menschen abgebaut werden, die auch nach dem Erreichen des Rentenalters weiterarbeiten wollen. 

Nutzen prekäre Beschäftigungen?
Nein. Ziel darf nicht sein, prekäre Beschäftigungen auszubauen. Das Ziel muss sein, die Arbeitswelt umzustrukturieren. Sie sollte auf die gesamte Laufbahnentwicklung ausgerichtet sein. Unternehmen sollten ihren Angestellten zum Beispiel mehr Angebote zum Wechseln anbieten, sie breiter aufstellen und die dazu nötigen Weiterbildungen unabhängig vom Lebensalter anbieten. Viele Menschen wünschen sich im Ruhestand eine sinnstiftende und strukturierende Beschäftigung. Es gibt 70-Jährige, die die geistige Leistungsfähigkeit von 35-Jährigen haben. Wir müssen wegkommen vom Bild der alternden, schrumpfenden Bevölkerung und das Potenzial erkennen, das in der längeren Lebenserwartung steckt. 

Was brauchen wir also?
Eine Altersgrenze, ab der man sich nicht mehr rechtfertigen muss, wenn man nicht mehr berufstätig ist. Es geht auch nicht darum, dass wir im Alter kein Recht auf Ruhestand haben. Es muss eine Zäsur geben – schon allein für den Generationenwechsel. Das gesetzliche Renten­alter berechnet sich anhand der Rentenformel, in der die demografische Zusammensetzung der Bevölkerung eingeht. Längeres Arbeiten sollte nicht bedeuten, weiter zu machen in der angestammten Tätigkeit, sondern es sollte eine Zäsur geben. Danach kann man dann wieder eine Arbeit aufnehmen, aber an anderer Stelle. Das Rentensystem sollte andererseits auch flexibel sein, falls man früher aufhören will, wenn man es sich leisten kann. Wenn wir es schaffen, in der zweiten Lebenshälfte geistig agil und gesundheitlich fit zu bleiben, haben wir gesamtgesellschaftlich den Vorteil, auf eine viel reichhaltigere Erfahrung und gute Produktivität zurückgreifen zu können. Mit einer solchen Basis können wir dann im inter­nationalen Wettbewerb gut mithalten.

Und was würde es den Menschen selbst bringen?
Es ist nicht so einfach, die Dinge, die wir für unser körperliches und seelisches Wohlbefinden brauchen, außerhalb von bezahlter Arbeit herzustellen. Wir wissen, dass Menschen, die länger produktiv bleiben, sich auch viele andere wertvolle positive Eigenschaften erhalten und sich gegen den altersgebundenen kognitiven Abbau wappnen. Es ist wichtig für die Persönlichkeitsentwicklung, wenn ein Mensch auch außerhalb der eigenen Familie sichtbar ist. Das gilt besonders für Frauen. Die Gesellschaft sollte auch Bildung für ältere Menschen ermöglichen. Das menschliche Gehirn ist bis ins hohe Alter hinein veränderbar. Es sterben zwar Zellen, aber in Abhängigkeit von den Anforderungen, die wir an uns stellen, entstehen auch wieder neue Zellen, und es bilden sich neue Verknüpfungen zwischen den Nervenzellen. Auch noch im hohen Alter. Wir leben in einer Gesellschaft des längeren Lebens – und das sollten wir nicht auf dem Sofa oder im Bett verbringen. Darum dürfen wir Mitmenschen nicht mit 65 abschreiben. 

Welche Erkenntnisse sind für Sie persönlich die größten, je älter Sie werden?
Mit wachsendem Alter wird mir sehr bewusst, wie wertvoll die Zeit ist. Solange man aus dem Vollen schöpft, hat man dieses Bewusstsein nicht wirklich. Mir wird bewusster, dass ich Schwerpunkte setzen muss, wo ich meine Energie einsetzen will. Und es wird wichtig, gegen die Biologie, etwa gegen den Muskelverlust anzuarbeiten. Auch, wenn das anstrengend ist.    

Das Gespräch führte Annika Ross.

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