Warum mit Sahra zusammen?
Annika Ross (EMMA-Redakteurin): Alice, warum hast du eigentlich im April 2022 und im Februar 2023 gleich zwei Mal eine Initiative für Friedensverhandlungen im Ukraine-Krieg angezettelt?
ALICE SCHWARZER Weil da nur wenige hundert Kilometer von uns entfernt täglich hunderte Menschen an der Front starben – und noch sterben! -, und der Krieg sehr schnell in Richtung drohender Atomkrieg rutschte. Die Umfragen aber zeigten, dass mindestens die Hälfte der deutschen Bevölkerung das so kritisch sah wie ich. Das spiegelte sich aber nicht in den Medien. Da war nur von immer weiteren Waffenlieferungen und wunderbaren neuen Panzermodellen die Rede. Den Kritikern und Kritikerinnen dieser Kriegshetzerei wollte ich eine öffentliche Stimme geben, ich wollte eine Debatte über diese brandgefährliche Kriegsbegeisterung von Medien und Politik in Deutschland auslösen. Das ist ja auch gelungen.
Und warum hast du nach der ersten Initiative, dem „Offenen Brief der 28“ an Kanzler Scholz im April 2022, rund ein Jahr später, eine zweite Initiative gestartet?
Weil die zunächst ausgelöste öffentliche Nachdenklichkeit schon wieder verstummt war, bzw. von der Mehrheit der Medien verschwiegen wurde. Die Umfragen aber zeigten weiterhin: Deutschland war und ist gespalten in der Frage. Die Hälfte ist für noch mehr Waffen für die Ukraine, die andere Hälfte für baldmöglichste Friedensverhandlungen. Aber das spiegelte sich nicht in den Medien. Erst allmählich ändert sich die Stimmung. Jetzt, wo Amerika eine Kehrtwende gemacht hat. Damals haben hunderte Menschen in der EMMA-Redaktion angerufen, manche haben geweint vor Erleichterung, dass wir ihnen eine Stimme gegeben haben. Noch dazu zeichnete sich bereits zu dem Zeitpunkt deutlich ab, dass die kleine Ukraine diesen Krieg gegen die Atommacht Russland militärisch verlieren würde und dass die Millionen Ukrainer und Russen für nichts sterben werden. Für nichts und wieder nichts. Von den getöteten ZivilistInnen und vergewaltigten Frauen ganz zu schweigen.
Viele Menschen haben sich dennoch gewundert, dass du das „Manifest für Frieden“ und die Kundgebung am Brandenburger Tor zusammen mit Sahra Wagenknecht gemacht hast.
Ich kannte Sahra Wagenknecht bis dahin nicht persönlich, ich habe sie am Tag vor Veröffentlichung des Manifestes zum ersten Mal gesehen. Aber mir war aufgefallen, dass sie die Einzige in der ganzen politischen Landschaft war, die wirklich konsequent gegen weitere Waffenlieferungen und für baldmöglichste Friedensverhandlungen war - und ist. Da lag es nahe, sie zu fragen. Ich wollte einen Protest über die ganze Breite der Bevölkerung. Und das hat dann ja auch geklappt. Über 50.000 Menschen kamen am 25. Februar 2023 zum Brandenburger Tor! Überwältigend.
Stimmt. Wir EMMAs waren ja auch dabei. Auch wir sind alle gegen das andauernde Sterben an der Front, die Vergewaltigungen im Land und für Friedensverhandlungen. Aber dennoch, sag mal ehrlich: Wie war denn die Zusammenarbeit mit Sahra? Sie gilt ja nicht gerade als einfach.
Das kann ich überhaupt nicht bestätigen. Obwohl wir zuvor noch nie miteinander zu tun hatten und sie nicht nur ein ganz anderes Temperament hat als ich und in einigen Punkten ganz andere Prioritäten setzt, war die Zusammenarbeit völlig problemlos und uneitel. Vollkommen sachorientiert. Ich habe einen Text für das Manifest entworfen, sie hat ein paar kleinere Korrekturen vorgeschlagen, die mir vollkommen eingeleuchtet haben – und wir sind gestartet. Auch über das Programm waren wir uns rasch einig. Wir haben das ja zusammen mit der traditionellen Friedensbewegung gemacht, deren Vertreter ebenfalls auf dem Podium waren. Für den Schluss hatte ich das Abspielen von „Imagine“ vorgeschlagen, von John Lennon und Yoko Ono. „Imagine all the People (…)" War is over! If you want it. Das war auf den Punkt!
Du bist trotz des Erfolges oder gerade darum danach häufig kritisiert worden wegen deiner Zusammenarbeit mit Sahra Wagenknecht. Auch von einer Minderheit der EMMA-LeserInnen.
Ehrlich gesagt verstehe ich das nicht. Es gibt eine Gereiztheit mit Sahra, auch bei Fortschrittlichen und insbesondere bei Frauen, die es mit keiner anderen Person gibt. Ist sie zu unverhüllt intelligent? Ist sie zu sachorientiert und nicht emotional genug? Ist sie zu selbstbewusst? Ist sie nicht „weiblich“ genug? Trotz der kurzen Röcke… Was provoziert diese Häme gegen eine so mutige Frau, die für Frieden und soziale Gerechtigkeit kämpft?
Und jetzt?
Jetzt stellt sich auch die wahlstrategische Frage. Nur Sahra Wagenknecht würde Sand in dem allzu glatt geölten Betrieb der etablierten Parteien sein. In Bezug auf Frieden wie auch in Bezug auf soziale Gerechtigkeit. Die Linke bliebe der bekannte Exot, der „Hofnarr“, wie Scholz sagen würde. Das BSW aber würde Druck von links auf die SPD ausüben können. Das hat es ja schon getan. Scholz hätte vielleicht schon längst den Taurus geliefert – ohne die Existenz und den Druck von Wagenknecht.
Rätst du also, das BSW zu wählen?
Ich bin Journalistin. Ich informiere und kläre auf. Ich gebe keine Wahlempfehlungen. Die Menschen sollen selber denken! Aber ich beobachte, dass die Mehrheit der Medien - die sich längst mit Alice Weidel arrangiert zu haben scheinen - weiter auffallend voreingenommen mit Sahra Wagenknecht umgeht, sie regelrecht dämonisiert.
Du bereust also nichts?
Im Gegenteil! Wie man an der aktuellen Entwicklung sieht, haben wir ja recht behalten. Leider, möchte man nach über einer Million Toten sagen. Der eine amerikanische Präsident hat zum Fortgang dieses von Russland begonnen Krieges beigetragen - der nächste amerikanische Präsident ordnet sein Ende an. Und niemand widerspricht. Das kann doch keiner ernst nehmen. Deutschland verhält sich wie eine Kolonie. Da kann man nur hoffen, dass die neue Regierung realistischer und selbstbewusster wird. Vor allem weniger kriegstüchtig und mehr friedenstüchtig.
Und nun?
Die Fragen, die EMMA aktuell besonders beschäftigen - von der Transideologie bis zur Prostitution - haben wir an alle Parteien gestellt und deren Antworten im aktuellen Heft und online veröffentlicht. Interessant ist dabei, dass die Grünen und die FDP es noch nicht einmal für nötig hielten, überhaupt zu antworten - und die Linke und die SPD am weitesten von uns entfernt sind. Das belegen die Wahlprüfsteine.
Hier das Manifest für Frieden unterzeichnen