Gegen religiösen Fundamentalismus:

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Am vergangenen Wochenende bot sich vor der Frankfurter Hauptwache ein ungewöhnliches Bild: 25 Türkinnen verteilten das Deutsche Grundgesetz an Passanten und Passantinnen. Hinter der Aktion steht die „Frankfurter Initiative progressiver Frauen“ (fraInfra), ein Netzwerk aus 160 Migrantinnen mit meist türkischen Wurzeln. Die Headhunterin Sunay Capkan (46) und die Informatikerin Zeliha Dikmen (46), beide Mütter von zwei Kindern, gehören dazu. Im Interview mit EMMA erklären Sie, wie es zu der Aktion kam, und was sie erreichen wollen.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, in Frankfurt das Grundgesetz zu verteilen?
Sunay Capkan: Als Mitte April in Deutschland erst der Koran und kurz darauf die Bibel verteilt wurde, habe ich an meine Mädels von der Frankfurter Initiative progressiver Frauen geschrieben: „Die deutsche Gesellschaft dreht durch und wir können nicht länger zusehen. Lasst uns das Grundgesetz verteilen!“ 
Warum dreht die deutsche Gesellschaft durch?
Capkan: Wir leben in einer säkularen Demokratie, in der keiner missioniert werden soll und will. Stattdessen durchdringen religiöse Themen mittlerweile fast jede gesellschaftliche Diskussion. Ich habe nie so ausführlich mit Deutschen oder türkischstämmigen Menschen über Religion gesprochen wie in den letzten zehn Jahren. Diese Debatte über Religion lenkt aber von wirklichen Problemen ab, die wir alle haben, egal ob Christen oder Muslime. Deshalb wollten wir zeigen: Es ist toll, dass es das Grundgesetzt gibt. Wir sollten uns immer wieder darauf berufen und nicht auf irgendwelche radikalen religiösen Ansichten.
Und wie ging es nach der E-Mail weiter?
Zeliha Dikmen: Wir haben uns um die Genehmigung gekümmert, 1.000 Grundgesetze organisiert, mit 25 Frauen an der Frankfurter Hauptwache einen Tapetentisch aufgestellt und losgelegt.
Wie viele Grundgesetzte sind Sie losgeworden?
Dikmen: Etwa 850 Exemplare, innerhalb von zwei Stunden.
Wie haben die PassantInnen reagiert?
Dikmen: Die meisten fanden es toll, dass wir als türkischstämmige Frauen eine solche Aktion initiieren. Wir haben gemerkt, dass sich viele ein stärkeres Engagement von uns wünschen.
Gab es besondere Begegnungen?
Dikmen: Auf mich kam ein älterer Herr zu, der in der DDR aufgewachsen war und noch nie ein Exemplar des Grundgesetzes in der Hand hatte. Und eine junge Somalierin. Sie war Muslimin, aber nicht besonders religiös. Sie sagte, sie fühlt sich oft dazu gezwungen, ihre Religion zu verteidigen, weil die Debatte über den Islam so negativ ist.
Capkan: Eine Frau aus dem ehemaligen Jugoslawien hat mir von ihrer Verwandtschaft aus Bosnien, Kroatien und Serbien erzählt. Länder in denen bis vor kurzem auf Grund von Religion noch Krieg geführt wurde. Sie war den Tränen nahe und sagte: Es geht doch darum, dass sich soziales Miteinander nicht über Glaube, sondern über Grundwerte wie Gleichberechtigung und Demokratie definiert.
Gab es auch negative Reaktionen?
Capkan: Ich habe mit einem Juristen gesprochen, der vorschlug, dass wir das Grundgesetz besser vor Moscheen an die Salafisten verteilen sollten.

Die Salafisten haben am vergangenen Samstag quasi zeitgleich in Köln eine Kundgebung abgehalten. Warum sind Sie nicht dorthin gegangen?
Capkan: Sie sind nicht die erste, die uns diese Frage stellt. Gegenfrage: Warum sollen wir plötzlich die Frontfrauen sein, die sich mit Extremisten anlegen? Die sind auch nicht die Gesprächspartner, die wir uns wünschen. Wir möchten die Sympathisanten erreichen. Wir möchten die Menschen erreichen, die auf Grund der radikalen Stimmungsmache von Salafisten plötzlich der rechten Szene zuwachsen und ausländerfeindliche Parolen übernehmen. Oder umgekehrt: Muslimische Teeanger, die plötzlich die Islamisten cool finden, weil sie keine Perspektive haben. Denen wollen wir zeigen: Hier sind wir, es gibt uns, wir sind aufgeklärte Muslime. Wir leben hier, wir sind friedlich, wir gehen unauffällig unseren Pflichten nach, zahlen unsere Steuern, ziehen Kinder groß und sind tolle Nachbarn. Außerdem habe ich noch nie in meinem Leben den Koran gelesen. Ich weiß gar nicht welche Suren die Salafisten da auslegen. Das interessiert mich auch nicht.
Sondern?
Capkan: Ich möchte in dieser Gesellschaft als demokratisch eingestellte, säkulare Frau wahrgenommen werden. Wissen Sie, worüber ich mich geärgert habe? Am 9. Juni stehen 25 attraktive Migrantinnen mit türkischen Wurzeln unverschleiert und in hübschen Outfits an der Frankfurter Hauptwache, verteilen lächelnd das Grundgesetz, die Bevölkerung ist begeistert und in den Abendnachrichten sehe ich wieder mal nur die Salafisten und ProNRW. Hätten sie uns doch auch mal gezeigt, und wenn es nur für zwei Sekunden gewesen wäre. Einfach nur, um zu sagen: Es gibt auch andere, und diese anderen sind übrigens die Mehrheit. Aber offenbar lässt sich das in den Medien nicht so gut verkaufen. Dabei stehen die Medien doch in der Pflicht, die Bevölkerung auf Dialog einzustimmen. Auch die Deutschen brauchen Aufklärung.
Inwiefern?
Capkan: Na ja, mein Freundeskreis besteht zu 80 Prozent aus Deutschen. Ich bin mit einem deutschen Mann verheiratet und ich habe deutsche Schwiegereltern. Denen muss ich immer wieder erklären, was eine klare Trennung von Staat und Religion eigentlich bedeutet. Und wieso Religion Privatsache ist. Und warum die Frage, ob jemand fromm oder weniger fromm ist, im sozialen Miteinander keine Rolle spielen sollte.
Dikmen: Als Papst Benedikt nach Köln kam, haben sich alle meine deutschen Kollegen damals einen Tag Urlaub genommen. Darüber war ich wirklich erstaunt! Außerdem haben wir, wie gesagt, dringlichere Probleme, als uns darüber zu streiten, welche Religion jetzt die bessere ist.
Zum Beispiel?
Dikmen: Die Finanzkrise. Die soziale Kluft, die immer größer wird. Menschen aus ärmeren und auch bildungsfernen Schichten kommen doch heute gar nicht mehr mit. Und dabei handelt es sich nicht nur um Ausländer, sondern auch immer mehr um Deutsche.
Capkan: Unsere Bildungspolitik ist einfach nicht mehr zeitgemäß. Die Arbeitspolitik auch nicht. Wir fordern Karrierechancen für Frauen, auch wenn viele das für ein Luxusthema halten. Aber wir sind ja nicht nur Migrantinnen. Wir sind gut ausgebildete Frauen, die ihre berufliche Chance haben wollen. Die Kinder großziehen. Nehmen Sie die Debatte über dieses Betreuungsgeld. Was ist das denn für ein Bild, wenn eine berufstätige, studierte Frau ein Kind bekommt, und Politik und Gesellschaft suggerieren ihr, besser zu Hause zu bleiben? Oder dass sie eine Rabenmutter ist, wenn sie ihr Kind in eine Kita gibt. Das sind Klischees, die in unserer Gesellschaft existieren und dagegen müssen sich türkische Frauen genau so wehren wie Deutsche.

Wie sehen Ihre konkreten Forderungen aus?
Dikmen: Wir fordern ein Kopftuchverbot für staatliche Schulen. Wir empfinden es als falsche Toleranz, wenn Grundschülerinnen aus Rücksicht auf die Religionszugehörigkeit der Eltern mit einem Kopftuch in die Schule gehen müssen. Wo bleibt denn dann das Grundrecht der freien Entfaltung für das Kind? Klar, wenn eine christliche oder muslimische Gemeinde private Schulen eröffnet, können wir nicht viel machen. Aber vom Staat können wir eine säkulare Haltung und religiöse Neutralität in Schulen einfordern.
Capkan: Ich bin der Meinung, dass eine Klasse von 25 Schülern im Alter von sieben bis zehn Jahren nicht nach Religionszugehörigkeit separiert werden, sondern es gemeinsame Religionskunde für alle geben sollte. Die Kinder verlieren doch sonst das Wir-Gefühl. Nach dem Motto: Du gehörst zu einem anderen Club, du machst bei mir nicht mit. Da werden doch schon im Kindesalter Vorurteile geschürt.
Wie reagieren denn MuslimInnen auf Ihre Forderung?
Dikmen: Natürlich gibt es da viel Kritik. Religion ist eine emotionale Angelegenheit. Aber diese Kritik kommt nicht nur aus muslimischen Kreisen, sondern auch aus den christlichen.
Wie kam es zu der Gründung von fraInfra?
Dikmen: Mich regt schon immer auf, dass Muslime immer alle in eine Topf geworfen werden. Deshalb haben wir unser Netzwerk gegründet. Wir sind die Schnittstelle in beide Kulturen, türkisch und deutsch und können dieser ganzen Diskussion a) entgegenwirken und b) konstruktiv dazu beitragen.
Capkan: Und wir haben uns für eine reine Frauen-Organisation entschieden, obwohl auch Männer mitmachen wollten. Aber wir wollten zeigen, dass wir als türkische Frauen souverän und selbstbewusst sind und keine Männer brauchen, die im Hintergrund die Strippen ziehen. Damit wollen wir auch das Bild der armen, geschlagenen Migrantin mit Kopftuch zurechtrücken. Die gibt es auch, das darf natürlich nicht geleugnet werden. Aber eben nicht nur.
 
Dikmen: Frauen brauchen die Unterstützung von Frauen, sie brauchen Vorbilder. Bei mir war das damals, als ich als Kind aus der Türkei nach Deutschland kam, eine Lehrerin, die mir die Frauenbewegung nahegebracht hat. Ohne sie wäre ich bei meinen sprachlichen Problemen nie von der Hauptschule auf die Realschule gewechselt. Frauen wie Alice Schwarzer haben unsere Rechte erkämpft, wir sollten uns nicht auf diesen Lorbeeren ausruhen und zusehen, wie sie heute wieder beschnitten werden. Wir wollen jungen Türkinnen auch deshalb Mut machen, sich aus den traditionellen, religiösen Strukturen zu befreien.
Das Gespräch führte Alexandra Eul, EMMAonline 12.6.2012
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